Politik

Sie wähnten sich weit weg

0

In Neuseeland lösen die Attacken von Christchurch Entsetzen aus. Die knapp fünf Millionen Einwohner des Landes kannten den Terror bisher nur aus der Ferne.

Polizist in Christchurch

Aotearoa, das Land der weißen Wolke, wie es die Maori nannten, als sie vor etwa 900 Jahren die zwei Südpazifikinseln besiedelten – ist ein Staat, der so weit weg erscheint vom Rest der Welt wie keiner. Die Neuseeländer geben sich Mühe, dass das so bleibt.

Wer einreist, wird am Flughafen genauestens kontrolliert – auf eine Weise, die Auswärtigen fast neurotisch erscheint. Hunde beschnuppern jedes Gepäckstück und bellen schon, wenn sie einen angebissenen Apfel entdecken. Hat jemand dreckige Schuhe an, muss er sie reinigen, bevor er neuseeländischen Boden betreten darf.

Die Sorge, dass etwas eingeschleppt werden könnte, das einheimische Tiere und Pflanzen beeinträchtigt, ist groß. Der Kiwivogel, der nicht fliegen kann, ist schon fast ausgerottet, seit mit den Menschen auch Ratten, Dachse und Katzen ins Land kamen. Nun ist etwas viel Schlimmeres eingeschleppt worden. Der Terror.

Auf Halbmast. Neuseeland trauert um die Opfer des Terroranschlags.

Natürlich gibt es auch in Neuseeland Konflikte. Vor allem zwischen Weißen und Angehörigen der indigenen Bevölkerung, den Maori. Die zu entschärfen, haben die Neuseeländer in den vergangenen Jahrzehnten als ihre wichtigste Aufgabe gesehen.


Kostenlos bestellen

So wurde in den 70er Jahren das Waitangi-Tribunal eingerichtet, eine Untersuchungskommission, vor der Maori Gebiete, die ihnen abgenommen wurden, zurückfordern können. Als Premierministerin Jacinda Ardern 2018 in London die Queen traf, trug Ardern einen Maori-Federmantel als Zeichen des Respekts für die Kultur der Ureinwohner.

Dankbar für die Distanz

Die Ressentiments richten sich inzwischen vor allem gegen reiche Asiaten, die in den zurückliegenden Jahren vermehrt ins Land gekommen sind und dadurch die Immobilienpreise in die Höhe getrieben haben.

Seit 2018 gibt es deshalb das Gesetz, dass Ausländer keine Häuser mehr kaufen können. Mancher, der früher damit haderte, dem Rest der Welt so fern zu sein, war zuletzt dankbar für diese Distanz – je verrückter sich die westlichen Länder gebärdeten.

Terror kannten die Neuseeländer bislang nicht, Naturkatastrophen hingegen schon. Christchurch erlebte 2011 ein verheerendes Erdbeben. Jedes Schulkind lernt den Spruch: „If it is long or strong, get gone“, wenn es lang oder stark ist, bring dich in Sicherheit, damit sie für einen möglichen Tsunami vorbereitet sind. Mit einem Anschlag gegen Muslime hat niemand gerechnet. „Kia Kaha Christchurch“, schreiben sie auf Facebook. Bleib stark, Christchurch. Viele posten das Schwarz-Weiß-Bild eines weinenden Kiwivogels.

Die Ideologie hinter dem Anschlag von Christchurch

Previous article

Was machte der Attentäter auf dem Balkan?

Next article

You may also like

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

More in Politik